2084 – Utopien und Dystopien über menschliche (Un-)Fähigkeiten

05.01.2020 | Dominic Lammert | imachs-News | imachs schreiben soziales

Eine Utopie wird zumeist als unrealistische Wunschvorstellung gesehen, wortwörtlich übersetzt ist sie ein „Nicht-Ort“. Dabei wird vergessen, dass unzählige Utopien bereits umgesetzt wurden: Wir dürfen wählen, wir können fliegen und Analgetika befreien uns von den unerträglichsten Schmerzen. Eine Dystopie hingegen, einen „Schlecht-Ort“, halten wir für realistisch. Repressive Kontrollstaaten, das ist der Stoff aus dem Science Fiction gemacht ist. Wie wird die Zukunft aussehen?


Die Technik der Zukunft wird unterschätzt

  • „Die weltweite Nachfrage nach Kraftfahrzeugen wird eine Million nicht überschreiten – schon aus Mangel an Chauffeuren.“ (Gottlieb Daimler)
  • „Ich denke, es gibt weltweit einen Markt für vielleicht fünf Computer.“ (Thomas Watson)
  • „Internet ist nur ein Hype.“ (Bill Gates)

Wie kann es sein, dass selbst die klügsten Köpfe ihres Fachs bei ihren Zukunftsvisionen derart verkehrt liegen? Gewöhnung an die Gegenwart. Das wäre eine Begründung. Aber vielleicht eine ein bisschen zu kurz gegriffene. Eine weitere, die zumindest zu den letzten Jahrzehnten passt, liegt im Mooreschen Gesetz. Das Mooresche Gesetz besagt, dass sich die Rechenkapazität von Computern alle 18 Monate verdoppelt. Bisher hat es sich bewahrheitet (ob es auch so bleiben wird, wird in Forscherkreisen diskutiert). Exponentielles Wachstum macht Vorhersagen unvorstellbar.


Buchcover: Physics of the Future


Weil die Vorstellung exponentiellen Wachstums so schwerfällt, gibt der US-amerikanische Physiker Michio Kaku in seinem Buch „Physics of the Future“ zwei Beispiele zur Veranschaulichung: Der Chip in einer Happy-Birthday abspielenden Geburtstagskarte im Buchladen um die Ecke besitzt eine höhere Rechenleistung als sämtlichen Kriegsmächten im 2. Weltkrieg zur Verfügung standen. Churchill, Roosevelt, Stalin und Hitler, sie hätten alles für eine solche Geburtstagskarte gegeben. Also für den Chip darin. Und die Smartphones in unseren Hosentaschen verfügen über eine höhere Rechenleistung als die NASA bei der Apollo-11-Mission im Jahre 1969.



Das hier ist ein handgemachter Artikel

Diesen Artikel schreibe ich gerade selbst. Vorher recherchierte ich, machte Unterstreichungen und Ausrufezeichen an den Rand, Stichpunkte auf einen Zettel, skizzierte mir dann einen Aufbau und jetzt tippe ich den Text endlich in die Tastatur. Zwischendurch mache ich Pausen, auch um nachzudenken. Und hinterher muss ich noch korrigieren. Zum Schluss lasse ich vielleicht noch die eine oder andere Person drüberschauen. Meistens muss ich nochmal ran...


Buchcover: Automating the news


Warum ich das alles erwähne? Viele Zeitungen, wie die Los Angeles Times oder das Wirtschaftsmagazin Forbes, lassen einige Artikel bereits von Textmaschinen schreiben. Im „algorithmic journalism“ werden Eckdaten in einer Sekunde ausgewertet und in derselben Sekunde der passende Artikel dazu schreiben – mit beliebig variierendem Schreibstil.

Und damit zum ersten Dystopie-Beispiel in diesem Artikel! Oder Utopie-Beispiel? Diese Grenze zeichnet die Technik der Zukunft nicht scharf…



Hinter imachs steckt übrigens auch eine Utopie

Das Konzept beruht auf dem Gedanken, dass wir uns sehr gerne gegenseitig helfen, wenn das Problem unsere Stärke trifft. Wenn also das Nachhilfefragen so einfach wie möglich wird, dann wird auch die gegenseitige Hilfe im Alltag zunehmen.



imachs ist eine Plattform, die dich mit anderen Menschen in deiner Nähe anhand von Fähigkeiten vernetzt. Wähle in 26 Rubriken aus, was du gut und gerne machst: Heimwerken, Gartenarbeit, Computer, Gitarre, Hund, Spanisch, für jemanden da sein... Danach erreichen dich passende Aufgaben von anderen Usern in deiner Nähe. Einfach runterladen und loslegen!





Drei Utopien und drei Dystopien aus der IT-Welt

Massenarbeitslosigkeit oder massenhaft Freizeit?

Der britische Ökonom John Maynard Keynes sagte in den 1930ern voraus, dass wir dank technologischer Fortschritte in hundert Jahren nur noch 15 Stunden in der Woche arbeiten müssten. Eigentlich lag er damit nicht falsch. Die Technik hat uns nicht nur physische Arbeiten abgenommen, mittlerweile wird auch immer mehr die geistige Arbeit „wegautomatisiert“. Wissenschaftler der Oxford University gehen davon aus, dass fast 60 Prozent aller Arbeitsplätze mittel- und langfristig vom Kollegen Roboter ersetzt werden. Industriestaaten wie Deutschland sollen besonders von diesem Wandel betroffen sein.


Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes


Dass uns Arbeit im Zeitalter der Industrie 4.0 abgenommen wird, ist ja zunächst nichts Verwerfliches. Im Gegenteil, es ist geradezu utopisch, denn die betroffenen Tätigkeiten sind nicht selten eintönig und gesundheitsgefährdend. Die gewonnene Zeit könnte anderweitig genutzt werden, schöner und sinnvoller.


Buchcover: Die Maschine steht still


In E. M. Forsters Science-Fiction-Kurzgeschichte „Die Maschine steht still“ verbringen die Menschen ihr Leben in kleinen Bunkerzimmern unter der Erde, jeder für sich allein. Das Leben wird von „der Maschine“ geregelt: Über sie wird eingekauft, über ein Tunnelsystem werden Kurznachrichten verschickt oder über Videotelefonie kommuniziert. Die Kurzgeschichte wurde übrigens 1909 veröffentlicht! Die Frage, wie Menschen ihre Souverenität bewahren können, gegenüber Maschinen, die nicht mehr nur die Hände und Füße, sondern nunmehr auch das Gehirn ersetzen, stellte sich schon vor über hundert Jahren.


Buchcover: Die Schule der Arbeitslosen


In Joachim Zelters Dystopie-Roman „Schule der Arbeitslosen“, der übrigens im Jahr 2016 spielt, wird Erwerbslosen die Menschlichkeit ent- und eine Gehirnwäsche unterzogen. Mit radikalen Slogans, oftmals Anglizismen, werden die „Schüler“ sogar dazu gezwungen, die Todesanzeigen nach Jobchancen zu durchforsten. „Just do it!“

Wenn die Maschinen also nicht gestürmt werden sollen, wie damals von den Webern während der frühindustriellen Unruhen im 19. Jahrhundert, sollte sich unser Verständnis von Gesellschaft dieser Veränderung anpassen, damit wir von der Technik der Zukunft profitieren können.



Maschinenmenschen oder Halbgötter?

Der US-amerikanische Futurist, Erfinder und Chef-Ingenieur von Google Ray Kurzweil prophezeit in seinem Buch „Menschheit 2.0. Die Singularität naht“, dass die technische Evolution die Fortsetzung der biologischen sein wird. Schon in absehbarer Zeit soll es keinen Unterschied mehr zwischen Mensch und Maschine geben, denn Ende der 2020er werden die ersten Computer gebaut, die den Turing-Test bestehen sollen. Das würde bedeuten, dass sich die Intelligenz von Computern nicht mehr von menschlicher Intelligenz unterscheidet. Später, im Jahr 2045, soll uns die Nanobiotechnologie zu Halbgöttern machen.


Buchcover: Menschheit 2.0. Die Singularität naht


Für Kurzweil ist die Verbindung von Mensch und Maschine, so unheimlich sie in manchen Ohren klingen mag, eine rein positive Entwicklung. Um diesen „Evolutionsschritt“ mitzuerleben, schluckt der 68jährige 150 Vitamin- und Mineraltabletten sowie andere Präparate. In seinem Buch schreibt er, dass unser Körper „in seiner derzeitigen Version gebrechlich und fehleranfällig [ist], ganz zu schweigen von den mühsamen Instandhaltungsroutinen, die er erfordert.“ Noch werden Kurzweils Zukunftsthesen milde belächelt, aber immer mehr Wissenschaftler springen ihm bei. So meinte der Informatiker Gerald Sussman aus den USA, bekannt für seine Forschungen im Bereich der künstlichen Intelligenz: „Ich fürchte, dass ich zur letzten Generation gehöre, die noch sterben wird.“


Filmcover: In Time Filmcover: Elysium


Spätestens wenn diese Zukunftsvision realisiert ist, stellt sich die Frage, wer Zugang zur Unsterblichkeit und Superintelligenz erhält und wer nicht. Sie wird teuer sein, weshalb nur die Reichen in Fragen kommen. Das behauptet zumindest Hollywood mit zahlreichen Dystopien wie „In Time“ oder „Elysium“. Wahr ist aber auch, dass jede Erfindung nur am Anfang teuer ist. Irgendwann werden in allen Einkommensklassen Telefone, Computer und Autos benutzt.



Gläserner Mensch oder menschliche Vernunft?


Buchcover: Fahrenheit 451 Buchcover: 1984 Buchcover: The Giver


Totalitäre Systeme können nur durch radikale Überwachung und Kontrolle überleben. Dazu gehört vor allem die Kontrolle der Gedanken wie es etwa in Ray Bradburys dystopischen Roman „Fahrenheit 451“ der Fall ist. In dieser Dystopie führt allein der Besitz eines Buches zur Hinrichtung. Die in George Orwells „1984“ modifizierte Sprache „Neusprech“, die Unterdrückung der Gefühle in Lois Lowrys „The Giver“ und die perfekte Arbeitstaktung mithilfe zweier Uhren in der Stadt „Metropolis“ im gleichnamigen Film von Fritz Lang sind neben der Gewalt weitere Instrumente, die diese Art von Dystopie ermöglichen.


Videocover: Metropolis


Kritiker sehen in einem der derzeit wohl lukrativsten IT-Trends ebenfalls ein geeignetes Instrument zur Erschaffung einer solchen Dystopie: Das „Internet der Dinge“ (kurz: IoT, Internet of Things). Wenn nicht mehr nur noch der PC und das Handy mit dem Internet vernetzt sind, sondern nahezu alle Gegenstände in jedem Raum Zuhause (das Bett, der Kühlschrank, die Toilette, sogar die Kaffeetasse), dann ist es nicht ganz abwegig, dass sich der Arbeitgeber (Warum bist du gestern so spät schlafen gegangen?), die Krankenversicherung (Du bist herzkrank und trinkst Kaffee?) und weiß der Teufel wer noch für die Datensätze interessiert.


Buchcover: IoT Inc.


Wer nichts zu verbergen hat, dem kann es ja egal sein, oder!? Die Frage, was möglich ist, scheint über der Frage, was man eigentlich möchte, zu stehen.

In der Simpson-Folge „The Girls Code“ entwickelt Lisa eine App, die ihre Nutzer warnen soll, die falschen Nachrichten und Bilder in soziale Netzwerke hochzuladen. Die App klärt den Nutzer über die Strafe auf, indem sie berechnet, wie viele Nachsitzstunden es in der Schule geben, ob einem der Job gekündigt und wie hoch die zu erwartende Gefängnisstrafe ausfallen wird.

Buchcover: Lisa von den Simpsons


In Springfield wird die Veröffentlichung dieser App heiß erwartet. Bis sich Lisa letztlich dazu entscheidet, sie zu löschen. Ein Computer soll den Menschen nicht vorschreiben, was er zu tun und zu lassen hat, so die Moral der Zeichentrickserie.

Dystopien dieser Art neigen zur Kurzzeitigkeit. Sie überleben nicht lange, weil sie Unzufriedenheit und damit ständig neue Gegner erschaffen. Vielleicht kann hier in der Vernunft des Menschen die Gegen-Utopie gesehen werden.



Aber vielleicht wird es ja auch umgekehrt: Die andere Dystopie


Buchcover: The Knowledge


Der britische Autor Lewis Dartnell schreibt in seinem Buch „The Knowledge“ über die Eventualität eines radikalen Abbruchs technischer Entwicklungen durch eine Katastrophe weltweiten Ausmaßes. Ein dritter Weltkrieg, eine Pandemie, ein Asteroid oder sonst etwas könnten der Grund dafür sein. Angenommen du wüsstest in solch einem Fall zu den wenigen glücklichen Überlebenden gehören: Wüsstest du, wie man verschmutztes Wasser reinigt, Getreide anbaut oder Strom erzeugt, geschweige denn einen Motor baut? Das Wissen jedes einzelnen ist zu spezialisiert, als dass wir so etwas hinbekommen könnten, so Dartnells Zukunftsvision. Damit wäre die Menschheit wohl wieder in der Steinzeit angelangt.



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